Losfahren

Freitag, 10. Mai: Nach Klärung von Tank- und Mautlogistik rollen elf Trucks mit zirka 70 Tonnen Hilfsgütern sowie drei Begleitfahrzeuge in drei Gruppen vom Hof der Spedition Hamann in Holzminden. Knapp 600 Kilometer bis zum Autohof Hengersberg kurz vor der österreichischen Grenze stehen zur ersten Etappe an. An Bord: medizinische Geräte und tonnenweise Wäsche für bosnische Krankenhäuser sowie Spielzeug und Schulmöbel. Tourlogistik-Leiter Holger Bade mahnt zur Fahrdisziplin der Gruppen. „Wir werden uns zwischendurch immer wieder treffen müssen, es macht keinen Sinn, dass immer einer hinterher astet“. Kurz nach dem Start schon der erste Alarm. Auf dem Armaturenbrett im Lkw von Fahrer Michael Meißner und seinem Vater Willi heißt es „Lüfter ausgefallen. Bitte Werkstatt aufsuchen“. Tun wir. Der Mercedes-Fachmann kann nichts feststellen. Ignorieren, weiterfahren. Der Konvoi zieht durch das Weserbergland über Höxter, schleppt sich über die Kassler Berge, weiter geht’s über Fulda, Schweinfurt, Nürnberg. Musik bei meinem Fahrer Mirko: Truckstop, bayrische Zithermusik, Britney Spears. Ankunft auf dem Autohof 21.30 Uhr; Abendessen, Bierchen, Bettruhe in der kuschligen Koje. Ein Touch von Truckerromantik.

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Fahrerporträt I: Wie schon bei der 2012er-Tour nach Mostar, fahre ich bei Mirko mit. Mirko Mönkemeier, 31 Jahre, korpulent gebaut, spricht Sätze wie: „Gleich klatscht es, aber keinen Beifall!“. Ein Brummifahrer mit Leib und Seele und dem Herz am rechten Fleck. Am Helfersyndrom allerdings leidet Mirko nicht, da ist er ganz offen. Für ihn ist nicht der Drang zur guten Tat der Grund, einen solchen Ritt mitzumachen. Er will einfach dabei sein, will fahren, zur Abwechslung mal im Konvoi „auf Achse“ sein.

Kurzer Rückblick auf unsere Kennenlernphase 2012: Skeptischer Blick als der Reporter zusteigt. Platz schaffen auf dem Beifahrersitz, Wassertank unter den Sitz schieben. Skeptischer Blick. „Biste Raucher?“  Passt schon, Mirko, passt schon.

Das Truckerleben wurde Mirko in die Wiege gelegt. Ein anderer Job ist für ihn undenkbar. Mirkos Vater fährt seit über 40 Jahren Baustoffe durch ganz Deutschland. „Wenn andere sechs Wochen Ferien gemacht haben, bin ich mit meinem Vatter mitgefahren“, erzählt Mönkemeier junior mit leichtem Ruhrpott-Zungenschlag. Trotz seiner „Jugend“ ist er ein Trucker der alten Schule. Vorbild: Franz Mersdonk aka Manfred Krug aus der berühmten Fernsehserie „Auf Achse“. In manchen Monaten schläft Mirko nur fünf Nächte im heimischen Bett in Hunzen bei Holzminden. Seinen Mercedes Actros 1841, sechs Jahre alt, 850.000 Kilometer auf dem Tacho, nennt er liebevoll Betzi. Das Fahrerhaus ist sein zweites Wohnzimmer: Schiebekühlschrank unter der unteren Liege, Bayern-Fantuch über der oberen. Im Fenster hängen Mini-Schals: „King of the road“, „Brummi mit Herz“. Der Girl-Kalender vom letzten Jahr ist verschwunden.

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