Ein Ort für die Vergessenen

Dienstag, 14. Mai: Unser Fahrer Andreas Meyer, der Dokumentarfilmer Thomas Schultke und ich fahren im Begleitfahrzeug vor dem Konvoi Richtung Nordosten über das Landesinnere bis nach Ostbosnien. Während die Trucks im Krankenhaus in Gracanica entladen werden, fahren wir weiter in Richtung Kantonshauptstadt Tuzla. Unser Ziel: Mihatovici, ein kurz nach dem Krieg von einer norwegischen NGO gebautes Flüchtlingslager für Vertriebene hauptsächlich aus Srebrenica.

Auf der Strecke weicht der karge Karst des Westens einer üppigen, teilweise idyllisch schönen, bergigen Wald- und Wiesenlandschaft entlang der Bosna, dem namensgebenden größten Fluss des Landes. Die Armut weiter Teile Bosnien-Herzegowinas sieht man zumindest im Westen noch sehr deutlich. Zwischen den verstreut liegenden, meist zwei- oder dreistöckigen Einfamilienhäusern stehen immer wieder ausgebrannte Ruinen und leer stehende Gebäude – wenn man Geld hat, fängt man an zu bauen bis es eben alle ist. Kleine Felder mit Salat, Zwiebeln oder Kartoffeln vor den Häusern säumen die Straße, man sieht alte Menschen mit archaischem Agrarwerkzeug wie Heuwendegabeln. Subsistenzwirtschaft, ein Leben von der Hand in den Mund. Je weiter man Richtung Norden ins Landesinnere fährt, desto muslimisch geprägter wird die Gegend. Moscheen bestimmen das religiöse Bild, Kirchen sieht man kaum noch. Östlich von Doboj Richtung Tuzla ist das Leben offenkundig besser. Die Häuser sind verputzt, die Grundstücke eingezäunt, die Besiedlung nimmt zu. Eine vergleichweise ebene Landschaft mit den Bergen nur noch als ferne Schatten am Horizont.

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Mihatovici Kurz vor Tuzla geht es links von der Bundesstraße 4 ab, einen steilen Schotterweg hoch, hinter dem Hügelkamm breitet sich eine Ansammlung von vielleicht 50 zweistöckigen Häusern an drei schmalen Straßen aus. 210 Familien leben hier, jeweils vier pro Haus. Teilweise mit drei Personen in einer der 40 Quadratmeter-Wohnungen, teilweise aber auch als Großfamilie auf engstem Raum unter erbärmlichsten Verhältnissen. Ein Ort für die Vergessenen. tbc

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